Die 62. Solothurner Filmtage widmen ihre Retrospektive dem Filmkollektiv Zürich. Das 1975 gegründete Produktionskollektiv steht für politische Filme zu Themen wie Wohnungsnot, Atomkraft oder Selbstbestimmung. Das Programm schlägt die Brücke zur Gegenwart und fragt: Warum sind diese Filme heute so aktuell? In Gesprächen und Debatten werden die Themen aus heutiger Perspektive diskutiert.
Anfang der 1970er-Jahre erlebt der Schweizer Film eine Zeitenwende. Während in der Westschweiz rund um Alain Tanner die «Groupe 5» entsteht, formiert sich in der Deutschschweiz das Filmkollektiv Zürich. Der Zusammenschluss von Filmschaffenden wie Hans und Nina Stürm, Mathias Knauer, Urs Graf, Beatrice Michel, Marlies Graf Dätwyler sowie von Filmtechnikern wie Renato Berta, André Pinkus, Robert Boner oder Carlo Varini definiert eine neue, gemeinschaftliche Form des Filmemachens.
Die Retrospektive der 62. Solothurner Filmtage fokussiert auf die Gründerzeit des Filmkollektivs Zürich (1975–1985), in der rund dreissig, zumeist politische Filme entstehen.
Energie- und Wohnungsfrage
Ein Hauptfilm der Retrospektive ist «Gossliwil» (1985). Für diesen fünfteiligen Essay über Arbeit, Zeit und Landflucht verlegten Beatrice Michel und Hans Stürm ihren Wohnsitz ins gleichnamige Bauerndorf. Im Kontrast dazu steht Hans und Nina Stürms Kritik an der kapitalistischen Wohnungswirtschaft («Zur Wohnungsfrage 1972»).
Zwei Filme stellen die Frage nach einer nachhaltigen Energiepolitik. Während «Kaiseraugst» (1975, kollektive Autorschaft) den zivilen Ungehorsam auf dem Gelände des geplanten Atomkraftwerks dokumentiert, stellt «Le gaz des champs» (1977) von Jean-François Amiguet einen damals visionären Bauern vor, der aus Kuhmist Biogas herstellt.
Filmen als politische Praxis
Dank dem Besitz eigener Kameras und Tonausrüstungen können die Mitglieder des Filmkollektivs Zürich einfach losziehen und filmen – eine direkt politische Form des Dokumentarfilms entsteht. Beispiele dafür sind «Ein Streik ist keine Sonntagsschule» (1974, Hans Stürm, Mathias Knauer, Nina Stürm) oder «Lieber Herr Doktor» (1977, Kollektive Autorschaft), ein Interventionsfilm, der – letztlich erfolgreich – die Selbstbestimmung beim Schwangerschaftsabbruch fordert.
Die 62. Solothurner Filmtage zeigen im Programm «Rencontre» zwölf Werke des Filmkollektivs Zürich. Fünf davon werden für die Retrospektive neu digitalisiert und untertitelt, darunter etwa «Cinéma mort ou vif?» (1977, Kollektive Autorenschaft). Alle Filmvorführungen werden von Gesprächen mit den Filmschaffenden begleitet. Zwei vertiefende Diskussionen mit Gästen aus der aktuellen Politik runden das Programm ab.
Das Spezialprogramm «Rencontre» ist eine Zusammenarbeit mit der Cinémathèque suisse.
Foto: Cinémathèque suisse
Das Spezialprogramm «Rencontre» ehrt jährlich eine Persönlichkeit oder ein Kollektiv des Schweizer Films und zeigt ausgewählte Werke ihres Schaffens. Das Programm vermittelt einen Einblick in die Arbeit der gewürdigten Person(en) und ermöglicht dem Publikum, diesen zu begegnen.
Bisherige «Rencontres»
- 61. Solothurner Filmtage 2026: Filmemacherin Edna Politi
- 60. Solothurner Filmtage 2025: Jubiläumsprogramm zur Jura-Landschaft
- 59. Solothurner Filmtage 2024: Animationsfilmkollektiv Studio GDS
- 58. Solothurner Filmtage 2023: Editorin Katarina Türler
- 57. Solothurner Filmtage 2022: Kameramann Jürg Hassler
- 56. Solothurner Filmtage 2021: Produzent und Regisseur Villi Hermann
- 55. Solothurner Filmtage 2020: Regisseurin Heidi Specogna
- 54. Solothurner Filmtage 2019: Schauspieler Bruno Todeschini
- 53. Solothurner Filmtage 2018: Regisseur Christoph Schaub
- 52. Solothurner Filmtage 2017: Sound Designer François Musy
- 51. Solothurner Filmtage 2016: Schauspielerin Ursina Lardi
- 50. Solothurner Filmtage 2015: Historische Retrospektive
- 49. Solothurner Filmtage 2014: Regisseur Peter Liechti
- 48. Solothurner Filmtage 2013: Regisseur Silvio Soldini
- 47. Solothurner Filmtage 2012: Schauspielerin Marthe Keller
- 46. Solothurner Filmtage 2011: Produzentin Ruth Waldburger
- 45. Solothurner Filmtage 2010: Filmmusiker Niki Reiser
- 44. Solothurner Filmtage 2009: Regisseurin Léa Pool
- 43. Solothurner Filmtage 2008: Schauspieler Walo Lüond
- 42. Solothurner Filmtage 2007: Kameramann Renato Berta
- 41. Solothurner Filmtage 2006: Schauspieler Maximilian Schell
- 40. Solothurner Filmtage 2005: Schauspieler Bruno Ganz
- 39. Solothurner Filmtage 2004: Schauspieler Jean-Luc Bideau
- 38. Solothurner Filmtage 2003: Kameramann Pio Corradi
- 37. Solothurner Filmtage 2002: Regisseur Paul Riniker
- 36. Solothurner Filmtage 2001: Produktionsfirma T&C Film AG, Marcel Hoehn
- 35. Solothurner Filmtage 2000: Regisseurin Jacqueline Veuve
- 34. Solothurner Filmtage 1999: Regisseur Alexander J. Seiler
- 33. Solothurner Filmtage 1998: Regisseur Claude Goretta
- 32. Solothurner Filmtage 1997: Regisseurin Reni Mertens und Regisseur Walter Marti
- 31. Solothurner Filmtage 1996: Regisseur Alain Tanner