22.1. –– 29.1.2020
Solothurner Filmtage
Laudatio Michela Pini

Kurz vor Weihnachten rief mich Giorgia an. Sie klang gerührt und fragte mich ungläubig: „Hast du das gewusst!?“. Ich wusste nicht, wovon sie sprach. „Ich bekomme einen Preis! Ich, einen Preis, stell dir das vor! Ich kann es kaum glauben”. Ich wusste immer noch nicht, worum es ging, dann erklärte sie mir, dass sie in Solothurn den Prix d’honneur erhalte würde. Das Gespräch endete mit ihren Worten: „Ich habe doch gar nichts Spezielles gemacht!“ 

(Zu Giorgia): Liebe Giorgia, du hast diesen Preis mehr als verdient! Und dies aus vielen Gründen, von denen ich dir hier kurz einige aufzähle.   
Es ist mir eine Ehre, dir diese Laudatio widmen zu dürfen. Zu Beginn meiner Arbeit beim Film träumte ich davon, Regieassistentin zu werden. Ich kannte dich noch nicht, liebe Giorgia, aber du warst für mich schon damals ein wenig mein „Vorbild“. Im Ernst! So wie angehende Rockmusiker diesen oder jenen Rockstar bewundern, warst auch du für mich so etwas wie ein „Star“. Ich hatte schon viel von dir gehört, und immer nur Gutes. Oft dachte ich, wie gerne ich dich kennenlernen und mit dir arbeiten möchte. Viel Zeit ging ins Land. Ich habe nicht das Zeug dazu, Cast und Crew zu managen, wie du das machst und ich wurde auch nicht Regieassistentin. Trotzdem hatte ich mehrmals Gelegenheit, mit dir zusammenzuarbeiten, weshalb ich heute bestätigen kann, dass alles, was man damals über dich sagte, absolut stimmt: Du bist ein Star der Regieassistenz.   

Man sagt, die Regieassistentin/ der Regieassistent sei die rechte Hand der Regie. Im Falle von Giorgia wäre die Bezeichnung zu einschränkend. Sie ist sozusagen die Seele des Filmsets. Sie ist achtsam, grosszügig, feinfühlig, gewissenhaft und diplomatisch, sie ist allen immer ein Schritt voraus. Nicht nur für die Regie, sondern auch für andere ist sie DER Bezugspunkt: für die Produktion, die Kamera, die Organisation. Alle hören auf ihren Rat und vertrauen auf ihre Präzision und ihre Lösungen.   
Im Jahr 2000 verliess sie die Schweiz und liess sich in Rom nieder, wo sie heute mit ihrer Familie lebt. Die Liebe hat sie nach Rom verschlagen, doch die Arbeit holt sie immer wieder nach Hause zurück. Mit der Zeit brachte sie etwas Italianità an die Schweizer Drehorte und prägte südliche Produktionen mit einem Hauch „Schweizertum“. 
Giorgia verfügt über eine ganze Reihe von „rechten Händen“, die sie andern reichen kann. Vielleicht hat sie auch noch ein paar linke Hände und da und dort einen versteckten Fuss.
Giorgia kann vieles in einem sein: Vermittlerin, Boss, Freundin, Psychologin und manchmal, wie sie selbst sagt, auch Mama. 

Ihre wichtigsten Eigenschaften sind ihre Liebe und Leidenschaft für ihre Arbeit und für die Menschen, mit denen sie zusammenarbeitet. Verliebt sie sich in ein Projekt, bleibt sie ihm bis zum Ende treu, egal ob der Film von einem bekannten Regisseur oder von einem Neuling gedreht wird. Sie scheut keine Mühen, um ihm alles zu geben, wozu sie fähig ist. Und das ist wirklich selten.
Auf meine Frage an die Regisseurin Bindu de Stoppani, wie sie die Zusammarbeit mit Giorgia einschätzt, sagte sie: Giorgia has been for me, the calm and steady golden link between the creative, the organisational and the productive pressures of set. My right-hand woman from the casting process to the final wrap. 

Ich habe Giorgia einmal gefragt, welcher Aspekt ihrer Arbeit ihr am besten gefällt. Sie antwortete: „Die Möglichkeit, ständig neue Menschen kennenzulernen und gleichzeitig immer wieder auf Personen zu stossen, die ich seit Jahren kenne. Dabei mag ich vor allem das Geheimnisvolle und die Überraschungen. Und davon gibt es genug!! Mein Beruf gibt mir die Freiheit, immer wieder neue Herausforderungen anzunehmen!”. 

Und diese Herausforderungen meisterst du mit einem ganz besonderen Charme, wie Simon Jaquemet sagt: Giorgia verschreibt sich mit Haut und Haar dem Projekt: Eine Szene, die wir schon drei Stunden lang gedreht haben, mit der wir nicht ganz zufrieden sind an einem anderen Tag nochmal wiederholen - Kein Problem. Das Wetter ist zu schön. Also macht die ganze Crew den halben Tag Pause und wir drehen erst in der Abenddämmerung. Giorgia schnippt mit dem Finger und es passiert so. Das alles macht sie mit einer charmanten, entspannten Art als wäre alles kein Problem und so wird es auch für niemanden zum Problem.

Giorgia zeichnet sich vor allem durch ihre grosse Bescheidenheit und ihre einzigartige Menschlichkeit aus. Mit ihr wird jedes Projekt zu einem Abenteuer, das sich durch ihr Zutun in eine angenehme Herausforderung verwandelt. Sie selbst sagt oft: „Kaum fällt die Klappe, beginnt die Magie“.

Liebe Giorgia, ich danke dir dafür, dass du jeden Film zu einem ergreifenden Abenteuer machst und uns immer wieder daran erinnerst, welch Glück wir haben, diesen zauberhaften Beruf ausüben zu dürfen.