Interviews | Autorentexte

Lob der Kritik: 5 Fragen an Michael Sennhauser

Datum

13. Januar 2021

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Michael Sennhauser an seinem Arbeitsplatz

Welche beruflichen Auswirkungen hatte die Pandemie auf Ihre Arbeit?

Michael Sennhauser: Die erste und deutlichste Auswirkung war der Wegfall der Filmfestivalbegegnungen. Damit wurde meine Arbeit zu ihrem eigenen Klischee: Ich bin der Nerd, der einsam am Bildschirm Filme sieht und dann im besten Fall noch ein Zoom-Podium eines virtuellen Festivals dazu. Dann ein Interview via Skype und die Radioarbeit von Schnitt und Montage der Töne ebenfalls an Schreibtisch und Bildschirm.

Auch die traditionellen Medienvorführungen im Kino sind weitgehend verschwunden. Ich sah fast jeden Film auf meinem Grossbildschirm oder am PC und habe dem Publikum danach aus lauter Gewohnheit weiter das Kinoerlebnis zu vermitteln versucht. Was nach dreissig Jahren Berufserfahrung erstaunlicherweise zunächst fast reflexionslos gelang.

Dann setzte allerdings eine neue Auseinandersetzung ein, mit dieser «abstrahierenden» Art Filme zu sehen.

Ein weiterer Effekt war die plötzliche Verbreiterung des vermittelnden Fokus. Insbesondere in den Zeiten, in denen auch die Kinos geschlossen waren, haben wir angefangen, auch Filmausstrahlungen am TV, Premieren auf Streamingplattformen und interessante Anlässe online in die Berichterstattung einzubinden. Ein positiver Effekt davon war die plötzliche Legitimität historischer Rückgriffe: Wir konnten Filmklassiker thematisieren, filmgeschichtliche Zusammenhänge aufzeigen und die Hörerinnen und Hörer auch direkt zum Wiedersehen mit dem einen oder anderen «alten» Filmerlebnis animieren.

Der negative Effekt der Pandemie auf meine Arbeit war dann aber der gleiche wie bei allen nicht-physischen Arbeiten: Vereinsamung im Home-Office, das Vermissen der anregenden und aufregenden Begegnungen an Festivals und damit einhergehend der Verlust des Zeitgefühls. Ohne die Festivaluhr Nyon im April, Cannes im Mai, NIFFF im Juli, Locarno im August… glichen sich die Tage und die Nächte. Und das machte sich vor allem auch dadurch bemerkbar, dass nur noch wenige herausragende Filme auftauchten, die es schafften, in die Gleichförmigkeit eine Kerbe zu hauen – auch darum natürlich, weil die Anbieter, die Filmverleiher, die Produzenten ihre grossen Efforts zurückhielten.

Das hingegen führte dazu, dass viele «kleine» bemerkenswerte Filme der letzten Jahre plötzlich eine Nischenchance bekamen. Bezeichnenderweise hatten die Studiokinos kaum Probleme, gute Filme zu bekommen, auch wenn ihnen die Zugpferde genau so fehlten wie den grossen Multiplexen. Diese dagegen hatten bald Mühe, überhaupt noch etwas Vorzeigbares auf die Leinwand zu bekommen.

2020 hat Gewissheiten erschüttert und die Veränderungen in der Medienbranche beschleunigt. Zeichnen sich bereits Lösungen ab, wie man auf diese Schwierigkeiten reagieren kann?

Die Filmindustrie reagiert mit Beschleunigung der sich ohnehin in den letzten Jahren abzeichnenden Strategien. In erster Linie ist das im Business-Segment der «day and date»-Start von sogenannten «Tentpoles», also den teuren und massiv beworbenen grossen Publikumsfilmen. Die werden zukünftig fast gleichzeitig auf allen Plattformen verfügbar sein, also im Kino und on Demand. Dadurch wird sich einerseits die Preisgestaltung verändern, andererseits nimmt die Beschleunigung noch mehr zu. Insbesondere die Auswertungszeit im Kino wird noch kürzer, der Wechsel der Titel noch hektischer werden. Kinofenster für Blockbuster werden auf Jahre hinaus fixiert werden müssen und kaum mehr länger als drei oder vier Wochen dauern.

Für alle anderen, kleineren Filme wird dadurch der Kampf um Aufmerksamkeit noch härter. Hier kommen die Festivals und die kuratierten Anlässe ins Spiel, lokales Knowhow und das Vertrauen des Publikums werden noch wichtiger. Eine Vernetzung der Festivallandschaft wird eine Folge sein, Ganzjahresbespielung einzelner Festivalbrands die andere.

Im Streaming wird die begleitende Interaktion des Publikums wichtiger. Der klassische Lagerfeuereffekt des linearen TV, der heute nur noch bei Sportübertragungen und dem «Tatort» wirklich spielt, wird auf diversen Kanälen neu angefacht werden müssen. Das «Tatort-Twittern» gibt rudimentär die Richtung vor. Dabei ist relativ klar, dass sich hier die Begleitkanäle mehr oder weniger selber konstituieren müssen. Das «interaktive» Gesamtpaket auf einer einzelnen Plattform ist zu beschränkt. Parasitäre Aggregatoren werden für Filme ähnlich Stimmen zusammenbringen wie heute für den Output der traditionellen Printmedien.

In Zukunft, so prophezeite der britische Schriftsteller J. G. Ballard Anfang der 1990er-Jahre, werden wir alle zu Filmkritikern werden müssen, um in der Medienlandschaft nicht die Orientierung zu verlieren. Was soll die Filmkritik heute leisten?

Die Filmkritik muss im Prinzip das gleiche leisten wie schon immer: Orientierungsangebote mit Identifizierungsmöglichkeiten verknüpfen. Filmkritik als Dienstleistung bringt das richtige Publikum mit dem richtigen Filmangebot zusammen, verhindert Enttäuschungen und ermöglicht Entdeckungen.

Für die Filmemacher*innen leistet die Filmkritik im Idealfall die gleiche Übersetzungs- und Vermittlungsarbeit wie für das Publikum: Interpretationshilfen für Begeisterung und Ablehnung. Und insgesamt muss die Filmkritik weiter dafür sorgen, dass Filme als Teil eines historischen, sich stets weiter entwickelnden (Pop-)Kultur-Korpus verstanden werden können.

Ist die Filmkritik für das einheimische Filmschaffen verantwortlich?

Die Filmkritik trägt eine grundsätzliche Verantwortung für das Filmschaffen überhaupt, so wie jede Auseinandersetzung mit einem Gegenstand eine Verantwortung für diesen Gegenstand übernehmen sollte. Das «einheimische» Filmschaffen ist in dem Zusammenhang vor allem auf kontinuierliche und zuverlässige Auseinandersetzung angewiesen.

Wobei ich persönlich nie abstreiten würde, dass ich in der Auseinandersetzung mit Menschen und Werken aus meinem täglichen Umfeld grundsätzlich etwas vorsichtiger und feinfühliger vorgehe, als wenn ich im Meer der globalen Stimmen gegen ein riesiges Marketingbudget anzutreten habe.

Die Filmkritik trägt eine grundsätzliche Verantwortung für das Filmschaffen überhaupt, so wie jede Auseinandersetzung mit einem Gegenstand eine Verantwortung für diesen Gegenstand übernehmen sollte.

Michael Sennhauser

Welches Werk der Filmkritik oder welche/r Filmkritiker*in hat den grössten Einfluss auf Ihre eigene Arbeit ausgeübt?

Global gesehen Pauline Kael mit ihrer streitbaren, leidenschaftlichen Auseinandersetzung mit den Tendenzen und Absichten der Autorinnen und der Industrie. Und Roger Ebert mit seinem humanen, stets auch dem Publikum verpflichteten funktionalen Ansatz: Der Frage danach, ob ein Film seinem eigenen Anspruch gerecht werden kann, sein Ziel erreicht – und dann doch auch noch, ob dieses Ziel moralisch wünschens- und vertretbar bleibt.

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