Interviews | Autorentexte

Lob der Kritik: 5 Fragen an Antoine Duplan

Datum

6. Januar 2021

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Der Ort des Geschehens des Filmkritikers Antoine Duplan

Welche beruflichen Auswirkungen hatte die Pandemie auf Ihre Arbeit?

Antoine Duplan: Sie hatte keine wirtschaftlichen Folgen, aber moralische. Ich habe aufgehört, an den Wochenenden und abends zu arbeiten, ich habe meine Tätigkeiten diversifiziert (Literatur, Comics, Ausstellungen usw.). Aber ich bin in eine Art Traurigkeit gestürzt, die mit dem Mangel an Anregungen und neuen Angeboten zusammenhing, vor allem auch mit der Ratlosigkeit der Angehörigen der Filmbranche, mit denen ich zu tun habe – Filmschaffende, Kinobetreiber*innen, Presseleute... Der Eindruck, auf einem Abstellgleis zu stehen, ist sehr belastend. Ich habe ein gutes Dutzend Artikel, die auf bessere Zeiten warten (Rezensionen und Interviews zu Filmen, die im Zuge der Corona-Wellen aus dem Programm genommen wurden), und das macht mich traurig.

2020 hat Gewissheiten erschüttert und die Veränderungen in der Medienbranche beschleunigt. Zeichnen sich bereits Lösungen ab, wie man auf diese Schwierigkeiten reagieren kann?

Ja. Die Vorherrschaft des Online-Publishing.

Die Filmkritik, in diesem Schiffbruch des Denkens, muss versuchen, dem Strudel elektronischer Leere jene Menschen zu entreissen, die noch imstande sind zu staunen.

Antoine Duplan

In Zukunft, so prophezeite der britische Schriftsteller J. G. Ballard Anfang der 1990er-Jahre, werden wir alle zu Filmkritikern werden müssen, um in der Medienlandschaft nicht die Orientierung zu verlieren. Was soll die Filmkritik heute leisten?

Ballards Prophezeiung ist allmählich überholt. Sie hatte ihre Gültigkeit, als es vor den Kinos und Kinematheken noch Warteschlangen gab, als im Fernsehen Filme oder gar Filmsendungen zum Ereignis wurden und man in Gruppen darüber diskutierte. Heute haben die Kinos (auch abseits der Pandemie) Mühe, die Säle zu füllen, die Leute verbringen ihre Zeit damit, durch die Listen der auf den Streaming-Plattformen verfügbaren Titel zu scrollen und sich die Filme auf dem Laptop oder dem Handy anzusehen. Die Medienlandschaft, das sind Facebook, Instagram und andere Social Media, in denen unbeholfene Fotos und unhöfliche Kommentare kursieren... Darum: Filmkritik, in diesem Schiffbruch des Denkens muss versuchen, diesem Strudel von elektronischer Leere jene Menschen zu entreissen, die noch imstande sind zu staunen, zwei Stunden lang in einem dunklen Saal zu sitzen, um sich in den Blick eines anderen zu versetzen und unbekannte Aspekte der Welt zu entdecken...

Ist die Filmkritik für das einheimische Filmschaffen verantwortlich?

Ja, diese Verantwortung trägt sie. Sie muss weiterhin gegen jene Vorurteile ankämpfen, dass das Schweizer Kino langweilig ist; sie muss versuchen, wieder einen Ausgleich zu den riesigen Werbebudgets des amerikanischen Kinos herzustellen; sie muss die Filmschaffenden in den Köpfen der Leserschaft am Leben erhalten.

Welches Werk der Filmkritik oder welche/r Filmkritiker*in hat den grössten Einfluss auf Ihre eigene Arbeit ausgeübt?

In den 1960er- und 1970er-Jahren: Freddy Buache. Er war der einzige, zu dem ich Zugang hatte, da La Tribune-Le Matin jeden Sonntag eine Kritik veröffentlichte. Ich schnitt jeweils den Artikel aus und klebte ihn auf ein Blatt Papier – im Hinblick auf den Tag, an dem ich den Film sehen würde. Von diesen Filmen habe ich kaum einen gesehen, aber ich habe sie mir vorgestellt. Als ich dann als Teenager anfing, die Filme zu sehen, von denen Buache sprach, war ich fasziniert von dem Übergang von Bildern zu Worten und zurück sowie von der Subjektivität eines jeden Blicks. Später: Gérard Lefort, in der Libération, seines Humors wegen.

Antoine Duplan
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