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Auf Kino-Reise: Cinéma Spoutnik in Genf

Autor*in

Dominic Schmid

Datum

3. August 2021

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Cinéma Spoutnik Genf

Experimentell, politisch, anderswo ausgegrenzt: Das Cinéma Spoutnik in Genf verschreibt sich seit 40 Jahren einem anderen Kino. Möglich gemacht wird das von der Stadt Genf und mutigen jungen Programmgestalterinnen und -gestaltern. Die Unterstützung durch die Stadt war für das Cinéma Spoutnik auch angesichts der pandemiebedingten Schliessung zentral.

«En dehors des chantiers battus» – «Abseits der üblichen Wege», steht da, collagenartig angeordnet auf der Rückseite des Monatsprogramms von letztem Februar. Auf der Rückseite wird das Programm vorgestellt, in einer Mischung aus poetisch und gelehrt formulierten Filmbeschreibungen. Ein Wort taucht immer wieder auf: Communauté – Gemeinschaft.

Das Cinéma Spoutnik ist kein Kino wie die meisten anderen – weder was die Filmauswahl, seine Organisation noch was den Saal betrifft, in dem acht Reihen Kinosessel von diversen altmodischen und sehr bequem wirkenden Sofas flankiert werden. Der gemeinschaftliche Aspekt der Kinoerfahrung wird hier eins zu eins vom Charakter des Kinosaals gespiegelt, zu dem auch eine Bar gehört.

Das Kino ist Teil des Kulturzentrums L’Usine, mitten in Genf direkt an der Rhone gelegen. Das Gebäude der ehemaligen Goldaufbereitungsfabrik gehört der Stadt und beherbergt nebst dem Kino ein Theater, einen Konzertraum, Kunstateliers, eine Galerie und einen Coiffeur.

«Wir sind empfänglich für diese Idee von Gemeinschaft. Also dass sich eine Gruppe von Leuten um eine bestimmte Sensibilität versammelt, sich austauscht und vielleicht sogar mobilisiert», sagt Nathan Lachavanne, der zusammen mit Tom Bidou einer der beiden aktuellen Programmverantwortlichen des Spoutnik ist.

Filmkritik spielt zentrale Rolle

Seit 2006 bestimmt die als Verein organisierte Trägerschaft des Kinos alle vier Jahre ein neues Zweierteam, dem bei der Gestaltung des Programms grösstenteils freie Hand gelassen wird. «Anders als Organisationsformen, deren Hierarchien auf Anciennität und Meritokratie beruhen, wird hier jungen Programmierern und Programmiererinnen eine Chance geboten, interessante Dinge zu verwirklichen», schwärmt Tom Bidou.

Dafür seien die Löhne niedrig, und das Amt auf vier Jahre beschränkt –  auch weil sich das Spoutnik die Variation bei der Programmierung erhalten will. Wegen der pandemiebedingten Schliessung überlegen sich die beiden aber, ausnahmsweise eine Verlängerung zu beantragen.

Es ist ein in der Schweizer Kinolandschaft wohl einzigartiges Konzept, das viel Raum für Experimente in der Programmgestaltung bietet. Seit seiner Gründung Anfang der 80er-Jahre – damals noch ohne feste Spielstätte –  versucht das Spoutnik, das marginalisierte Kino in der Vordergrund zu rücken. Filme unbekannter Regisseurinnen und Regisseure und Strömungen aus der Filmgeschichte wechseln sich mit zeitgenössischem Kino ab, das ausserhalb spezialisierter Filmfestivals kaum den Weg auf Schweizer Kinoleinwände findet.

Rebellisches, ästhetisch anspruchsvolles bis militantes Kino erhält hier die Möglichkeit, ein aufgeschlossenes Publikum zu finden. Selbst wenn es dann nur 10 bis 15 Zuschauerinnen und Zuschauer pro Vorstellung sind.

Fast wichtiger als ein voller Kinosaal seien sowieso die Reaktionen, Diskussionen, politischen und ästhetischen Reflexionen, die ein Film auslösen kann. Dafür sei beispielsweise auch die Rolle der Filmkritik zentral, sagt Bidou. Wobei es da gerade in der Schweiz Verbesserungspotential gäbe.

Keine grossen Pandemie-Nachwehen

Würde ein solches Konzept auch ausserhalb einer Stadt wie Genf, die stark von der cinéphilen Kultur Frankreichs geprägt ist, funktionieren? «Ich glaube, die entscheidenden Faktoren sind Ausdauer und Wiederholung. Interesse für ungewohnte Formen lässt sich auch herstellen», sagt Lachavanne. Bidou ergänzt: «Natürlich profitieren wir auch von Institutionen wie Lightcone in Paris, die über ein riesiges Archiv an experimentellen Filmen verfügen.»

In der Schweiz werde einem eine originelle Filmprogrammierung aber nicht gerade einfach gemacht. Vor allem was den Import von Kopien und die Organisation von Filmrechten betrifft. «Wenn man eine Kopie aus der Cinémathèque française zeigen will, sollte man da schon ein Jahr vorher anfragen», so Bidou weiter. Auch wenn sie von der Stadt gefördert würden, sei das Budget begrenzt. Gerade der Import von alten Filmkopien auf 35mm wirke sich oft strapazierend darauf aus.

Bidou und Lachavanne waren gerade mal drei Monate in ihrem neuen Amt, als die Pandemie über die Schweiz hereinbrach und alle Kinos schliessen mussten. Für den März 2020 war eine grosse Veranstaltung geplant, mit Gästen aus Paris und allem drum und dran. Tom Bidou: «Das war schon hart. Ebenso im Oktober, auch wenn man es da kommen sah. Da war die Stimmung düster bis paranoid.»

Dank der Unterstützung der Stadt brachte die Kinoschliessung wenigstens kaum finanzielle Probleme. «Da sind wir in einer sehr komfortablen Situation», so Bidou. Im Sommer konnte man immerhin ein thematische Reihe zu «Black Lives Matter» als Open-Air veranstalten, die viele interessierte Zuschauer anzog. Und auch in diesem Jahr gab es genug Arbeit: «Dadurch, dass wir alles gemeinsam machen, ist unsere Art zu programmieren sehr aufwändig. Insofern war die Zeit, die wir im letzten Jahr zur Verfügung hatten, sehr wertvoll.» Man habe sich neue Filmzyklen ausdenken, Rechte verhandeln und sogar das Kino für Filmsichtungen benutzen können. Sie seien bereit, so Bidou und Lachavanne. 

 

Buchtipp: Das St. Galler Kino ist im Buch «Rex, Roxy, Royal» zu finden, herausgegeben, konzipiert und gestaltet von Sandra Walti und Tina Schmid. Das 2016 erschienene Buch porträtiert 111 grosse und kleine Kinos aus allen Sprachregionen der Schweiz. Es ist allerdings vergriffen und nur noch antiquarisch erhältlich.

 

Dieser Text von Dominic Schmid wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert. Die Solothurner Filmtage übernehmen in ihrem Online-Magazin ausgewählte Beiträge, die im Rahmen des neuen Schwerpunkts von Keystone-SDA zum Thema Film und Kinokultur entstehen. Die Initiative entstand im Nachgang zum diesjährigen Programmfokus «Lob der Kritik» und hat zum Ziel, der Filmkritik und dem Feuilleton zum Schweizer Film in den Schweizer Print-Medien neue Sichtbarkeit zu geben.

 

 

Foto: @ Cinéma Spoutnik

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