Verehrter künstlerischer Leiter, caro Niccolò
Verehrter Programmverantwortlicher, lieber David
Meine Damen und Herren
Liebes Publikum, liebe Filmbegeisterte
Liebe Edna
Es ist mir eine grosse Freude und eine Ehre, anlässlich der Eröffnung der Retrospektive über Edna Politi an den Solothurner Filmtagen einige Begrüssungsworte an Sie richten zu dürfen.
Als Chefin der Dienststelle für Kultur des Kantons Genf bin ich natürlich sehr erfreut und verbunden, dass die Filmtage dieses Jahr ihre Retrospektive einer Genfer Filmemacherin mit einer vielseitigen und spannenden Karriere widmet und uns so ein direktes Zusammentreffen mit deren Werk ermöglicht.
Ein Werk, das den Kanton Genf und die Schweiz über ihre Grenzen hinaus bekannt macht, mit Werten, mit denen sich viele von uns gerne identifizieren: Weltoffenheit, Liebe zur Kunst und zur kreativen Freiheit, Engagement, Neugierde anderen gegenüber. Ich glaube, wir lieben diese Werte, weil sie uns helfen, in einem Land zu leben, das zwar sehr angenehm und komfortabel ist, in dem wir uns aber manchmal eingeengt fühlen.
Liebe Edna, ich erinnere mich an einen Tag irgendwann in den 2000er-Jahren, an dem wir uns in einem feministischen literarischen Café, das es heute nicht mehr gibt, zum Tee trafen. Wenn ich mich richtig erinnere, hatte ich gerade meinen Job bei Pro Helvetia aufgegeben, wo ich mich mit einem kulturellen Austauschprogramm zwischen der Schweiz und den südlichen Mittelmeerländern befasst hatte. Dass ich einfach so mit dir plaudern konnte, hatte mich sehr berührt. So wie ich heute berührt bin, vor diesem Publikum das Wort zu ergreifen.
Ich konnte mich noch nie (in einem strukturierten und intellektuellen Gespräch) zu Fragen des Nahen Ostens oder generell zu geopolitischen Fragen äussern. Ich hatte stets Angst, Partei zu ergreifen – mit welchem Recht? – oder mich zu sehr auf die eine oder andere Stellungnahme zu fixieren.
Ich gehe eher auf die Menschen zu, höre sie an, verschwinde sozusagen unter ihnen. Aus diesem Grund fühlte ich mich in all den Jahren zwischen Genf und Algier, Bern und Beirut, Tel-Aviv und Zürich wie ein Fisch im Wasser. In diesem Sinne habe ich auch diese Worte geschrieben und tauche freudig ein in die Erinnerungen an jene Zeit, in der ich auch Edna Politis Werk kennenlernte.
Erstaunlicherweise habe ich auch wieder in ein Buch hineingeschaut, das mir David Wegmüller freundlicherweise in Erinnerung gerufen hat. Es handelt sich um das 2005 erschienene Werk Territoire Méditerranée mit Texten und Bildern von rund fünfzig Teilnehmenden von dies- und jenseits des Mittelmeers. Dieses Meer, «Das weisse Meer der Mitte», hatten wir zu unserem Gemeinschaftsgebiet ernannt.
Territoire Méditerranée stellte vielstimmige Überlegungen an zur Bedeutung des «interkulturellen Dialogs», eines zu jener Zeit schon etwas abgenutzten Konzepts (wir setzten den Begriff immer in Gänsefüsschen), das uns aber antrieb und inspirierte. Ich erinnere mich, dass der damalige Direktor der ehrwürdigen Organisation, die das Projekt finanzierte, das Ganze mit der Erklärung beendete, wir hätten zu viele Freunde in den arabischen Ländern (womit er recht hatte) und dass es Zeit für neue Pläne sei (merkwürdige Idee).
Liebe Edna, als ich Anou Banou oder die Töchter der Utopie sah, habe ich an dich gedacht. Bei den Dreharbeiten zu diesem Film warst du etwa so alt wie ich damals bei unserem Treffen im literarischen Café. Ich dachte an dich, wie du diese Pionierinnen befragt und angehört hast, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts geboren wurden und mit unglaublichem Elan (bestehend aus einer Mischung von Idealen und Lebenslust) nach Palästina ausgewandert sind.
Ich dachte an all das, was du aufs Spiel gesetzt hast, um die Komplexität dieser Lebenswege in all ihren Facetten aufzuzeigen und dadurch auch die Komplexität der Geschichte des Zionismus und der Entstehung des Staates Israel.
Ich dachte daran, wie du mit offenem Geist, offenen Ohren und offenem Herzen auf diese Frauen zugegangen bist.
Ich dachte an deine Fähigkeit, die Poesie des Augenblicks, der Landschaft, der Stille einzufangen.
Und schliesslich dachte ich an deine Sichtweise der geopolitischen Lage und der Art, wie diese die Lebenswege jener Frauen geprägt hat.
Diese Sichtweise fasziniert mich, und gleichzeitig stimmt sie mich nachdenklich, denn ich kann nicht wirklich nachvollziehen, worauf genau sie gründet. Sie ist kritisch und gefühlvoll, klar und voller Liebe – in einem Wort: stark.
Liebe Edna, mittels deiner Sichtweise hatte ich tatsächlich den Eindruck, diese Frauen zu treffen; es ist, als wären sie Freundinnen geworden.
Seither begleiten sie in meiner Vorstellung andere Filmfrauen, die auf die gleiche Weise zu Freundinnen geworden sind. Ich treffe sie zum Beispiel in Bye bye Tibérias von Lina Soualem. Der 2023 entstandene Dokumentarfilm erzählt die Geschichte von Frauen aus mehreren Generationen. Da sind Hiam und Lina – Mutter und Tochter – sowie deren Grossmütter und Urgrossmütter.
Wie es die feministische Comiczeichnerin Liv Strömquist in ihrem Buch I’m every woman mit Zitaten von Chaka Khan (1978) und Whitney Houston (1993) so schön sagt, kommen in uns mehrere Stimmen zu Wort, die sich zuweilen auch widersprechen.
In Territoire Méditerranée, diesem fast vergessenen Buch, das ich dank dieser Einladung wieder zur Hand genommen habe, fand ich die Zeilen von Aala Khaled, Mitdirektor des ägyptischen Magazins Amkenah. Das arabische Wort Amkenah steht für «Ort, Raum» und der besagte Artikel befasst sich mit einem Lieblingsthema des Magazins, nämlich der Poetik des Ortes (poetics of place).
Beim erneuten Lesen klingen diese Worte wieder genau wie damals.
«Bei allem bisher Gesagten weiss ich nicht, welchen Raum ich genau belege. Manchmal setze ich mich beim Schreiben für meine Kultur ein. Andere Male stelle ich mich gegen sie und ergreife Partei für eine andere Kultur oder ich spreche im Namen eines anderen Ortes. Bald spreche ich als Einzelperson, bald übernehme ich die Stimme einer Gemeinschaft. Vielfalt, Widerspruch der Rollen und der Stimmen.»
Liebe Edna, deine Worte in einem kürzlich gegebenen Interview haben mich sehr berührt. Du sagst, die Gespräche zwischen den beiden Freundinnen in deinem Film Wie das Meer und seine Wogen aus dem Jahr 1980 könnten auch heute stattfinden. Das nimmt dir die Hoffnung. Aber ich glaube, für uns, die wir deine Filme heute entdecken oder wiederentdecken, zählt viel mehr die Magie ihrer Richtigkeit, wie ein kostbarer, lebender Schatz.
Das gleiche Gefühl von Hoffnung vermischt mit Trauer überkommt mich beim Lesen der Zeilen von Walid Sadek. In Territoire Méditerranée äussert sich der libanesische Schriftsteller und Künstler zum 11. September 2001 (es ist, als würde ich das Radio meiner Gedanken von damals einschalten).
Ich zitiere:
«Vermutlich werden uns nur noch Schlaflosigkeit und Erwartungen bleiben, um unser Recht auf die Erhaltung von Brücken zu wahren sowie unseren Wunsch zu erfüllen, diese zu überschreiten. Auch auf die Gefahr hin, alle möglichen Risiken und Bedrohungen überwinden zu müssen, würde uns nur die Möglichkeit dazu gegeben.»
Meine Damen und Herren, fast 25 Jahre später hätte ich Ihnen gerne gesagt, dass wir solide, begehbare Brücken gebaut haben und dass wir nicht mehr an Schlaflosigkeit leiden. Das würde jedoch bedeuten, das Ausmass der Macht der Geschichte sowie deren jahrzehntelangen Einfluss zu unterschätzen.
Nachdem der von Pro Helvetia geführte «interkulturelle Dialog» mit den Ländern aus dem «anderen Mittelmeerraum» abgeschlossen war, nahmen in meinem Berufsleben neue Brücken Form an, die den Dialog zwischen Kultur und Politik über die schweizerischen Sprachgrenzen hinaus fördern sollen. In meiner neuen Funktion setze ich mich im Rahmen der interkantonalen Konferenz der Kulturdirektorinnen und -direktoren für die Stärkung des nationalen Kulturdialogs ein (so heisst das Organ, das Vertreterinnen und Vertreter der politischen Instanzen des Bundes, der Kantone, Städte und Gemeinden vereinigt).
Ich sehe diesen Dialog nicht als Selbstzweck, sondern als einen Impuls, den wir brauchen, um nicht zu ersticken, um nicht depressiv zu werden, gefangen in unseren beengten Realitäten. Ich erinnere mich an dein Lachen, liebe Edna (das Radio funktioniert noch), und ich sage mir, dass es genau das ist, was uns auch heute noch in diesen dunklen Zeiten trägt: eine Bewegung der Offenheit, die uns bewegt und gemeinsame Räume schafft.
Meine Damen und Herren, ich wünsche Ihnen wunderbare Entdeckungen in dieser Retrospektive, schöne Begegnungen und neue Freundschaften.
Merci pour votre attention.